Die Emil-Kirdorf-Klasse

Vier Kombidampfer der AG Hugo Stinnes für Seeschiffahrt und Überseehandel


die größten zivilen Schiffneubauten aus Wilhelmshaven 

In den Jahren 1922/23 baute die Reichswerft Wilhelmshaven vier sogenannte Kombidampfer für die Stinnes-Reederei. Dieser in vielfacher Hinsicht bedeutende Schiffbauauftrag ist in der Fach- bzw. heimatgeschichtlichen Literatur nur in wenigen Sätzen erwähnt worden. Daher habe ich zum 100. Jahrestag des Stapellaufs der "Emil Kirdorf" einen Artikel für die "Heimat am Meer", einer heimatgeschichtliche Beilage der Wilhelmshavener Zeitung verfasst.
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Schiffbauauftrag als patriotische Tat? Marinewerft baute Kombischiffe für Stinnes-Reederei
von Frank Logemann

Im Februar 2022 jährte sich zum 100. Mal ein geschichtsträchtiger Tag in der Wilhelms-havener Schiffbaugeschichte. Am 25.02.1922 lief auf der Marinewerft Wilhelmshaven ein Kombischiff – also ein kombiniertes Fracht- und Passagierschiff – vom Stapel. Der auf den Namen „Emil Kirdorf“ getaufte Dampfer mit der Baunr. 66 war das Typschiff von insgesamt 4 Einheiten, die der Industrielle Hugo Stinnes, Chef des seinerzeit weltgrößten Firmenimper-iums, in den Jahren 1922/23 auf der Wilhelmshavener Werft bauen ließ. Mit rund 125m Länge, fast 16,5m Breite, 5700 BRT und einer Tragfähigkeit von 8800 Tonnen sind sie die größten jemals in Wilhelmshaven gebauten zivilen Schiffe. Für die Werft war dieser Auftrag in den schweren Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in mehrfacher Hinsicht von großer Bedeutung; so in Hinblick auf das Selbstverständnis als eben eine Werft, also als Schiffe bauender Betrieb, aber auch, um überhaupt den Fortbestand der Werft zu sichern. Wenngleich, wie noch dargelegt wird, der Bau dieser Schiffe für die Werft und somit für den Staat wirtschaftlich ein dickes Minusgeschäft war.

Emil Kirdorf, Typschiff der gleichnamigen Klasse

Zukunft der Werft als Staatsbetrieb in Frage gestellt

Zwar verblieb von den ehemaligen staatlichen Marineschiffbaubetrieben in Wilhelmshaven, Kiel und Danzig die Bauwerft an der Gökerstraße und der Zweigbetrieb Alte Torpedowerft zwischen Kaiser-Wilhelm-Brücke und 1. Einfahrt als einzige unter Verwaltung der Reichsmarine. Die erst 1914 in Betrieb genommene UTO-Werft am Westhafen (heute u.a. Manitowoc Kranbau) aber wurde ausgegliedert und in die neu geschaffene Deutsche Werke AG, einem Zusammenschluss mehrerer ehemaliger Heeres- und Marinerüstungswerk-stätten, integriert und firmierte nun als Deutsche Werke AG, Betrieb Rüstringen. Wie tief die Einschnitte waren, zeigt auch ein Blick auf die Zahl der Beschäftigten: lag sie zu Beginn des Jahres 1914 bei rund 12.000 Arbeiter, Angestellte und Beamte, stieg sie bis zum Ende des Krieges im November 1918 auf etwa 22.000 an, um direkt nach Kriegsende kontinuierlich zu sinken; zu Beginn des Jahres 1919 etwa 17700, ein Jahr später 11500, Tendenz weiter sinkend. Bei den Deutschen Werken Rüstringen standen am Beginn gut 3000 Menschen in Lohn und Arbeit, doch bald und ständig verringerte sich auch hier die Belegschaft.

Um überhaupt einigermaßen wirtschaftlich arbeiten und die Facharbeiterschaft halten zu können, bauten Marinewerft und Deutsche Werke Rüstringen in Rahmen vom Reich ins Leben gerufene Notprogramme zahlreiche Fischereifahrzeuge, vor allem die ehemalige UTO-Werft war zudem auf Abwrackaufträge und fachfremden Aufträgen wie beispielsweise Reparatur und Wartung von Lokomotiven und Eisenbahnwaggons angewiesen. Eine lang-fristige Perspektive ergab sich daraus nicht, bereits im Frühjahr 1924 wurde die Deutsche Werke, Betrieb Rüstringen geschlossen. Betreffend der Marinewerft wurde wiederholt ihr Status als Reichsbetrieb in Frage gestellt und die Umwandlung in ein privatwirtschaftliches Unternehmen gefordert.

Die Reichswerft/Marinewerft Wilhelmshaven, vormals Kaiserliche Werft

 

Von entsprechend großer Bedeutung schien der an die Marinewerft erteilte Auftrag der AG Hugo Stinnes für Seeschiffahrt und Überseehandel über den Bau von vier 5700-BRT-Fracht- und Passagierdampfer. Zeitungen im ganzen Reich würdigten die Vergabe an die schlin-gernde Marinewerft als patriotische Tat. Selbst in jüngerer Fachliteratur wurde Stinnes‘ Vaterlandsliebe, Sorge um einen um seine Zukunft bangenden Staatsbetrieb und Verant-wortungsbewusstsein für das Wohlergehen der Arbeiterschaft als maßgebliches Motiv für die Auftragsvergabe an eine im Handels- und Passagierschiffbau völlig unerfahrenen Werft herausgestellt. Das Studium einer bislang offenbar völlig unberücksichtigten Akte im Bestand des Bundesarchivs, Abteilung Berlin-Lichterfelde, relativiert diese Einschätzung erheblich: Ohne Frage war Stinnes Patriot und fortschrittlich denkender, um sozialen Frieden bemühter Industrieller, der selbstverständlich für Wirtschaftsinteressen eintrat, darüber hinaus aber auch ein hohes Verständnis für berechtigte Forderungen der Arbeitnehmerschaft zeigte. Letztlich aber war die Entscheidung zugunsten der Marinewerft Wilhelmshaven – wie noch dargelegt wird - das Ergebnis nüchterner wirtschaftlicher Überlegungen, darüber hinaus für Stinnes ein glänzendes Geschäft. 

Der Reeder Hugo Stinnes

Hugo Stinnes‘ Großvater Mathias gründete Anfang des 19. Jahrhunderts ein Rheinschiff-fahrts- und Kohlenhandelsunternehmen, schon bald danach kamen eigene Bergwerke und Bergwerksbeteiligungen dazu. Die schnell wachsende Binnenschiffsflotte – Mathias Stinnes galt zum Zeitpunkt seines Todes 1845 als größter Reeder am Rhein - transportierte also selbst produzierte Kohle. Sein 1870 geborener Enkel Hugo absolvierte Lehre und Studium, übernahm schließlich die Leitung der Bergbaubetriebe. Schon früh aber machte sich sein Drang nach größtmöglicher Eigenständigkeit bemerkbar und so gründete er 1892 mit der Hugo Stinnes Gmbh sein eigenes Kohlenhandelsunternehmen. Nach Vorbild seines Großvaters kamen bald eigene Bergwerke hinzu, die dort gewonnene Kohle wurde mit einer eigenen Rheinflotte transportiert. Nach und nach folgte der Einstieg in weitere Geschäftsfelder wie z.B. der Hüttenindustrie, Elektrizität, Öl. Ab 1907 begann Stinnes, sich der Seeschifffahrt zuzuwenden. Die in Hamburg ansässige Unternehmenssparte der Hugo Stinnes GmbH bereederte zu Kriegsbeginn 1914 bereits 15 auf Kohletransport spezialisierte Frachtdampfer von 1600 bis 5000 BRT. Mit Verträgen über die Belieferung von Kriegs-schiffen mit Bunkerkohle knüpfte Stinnes sehr bald Verbindungen zur Kaiserlichen Marine.
Noch während des Krieges forcierte Stinnes sein Engagement in der Schifffahrt und er versuchte für die Zeit nach dem Krieg u.a. durch den Kauf großer Anteile an HAPAG-Aktien Einfluss in der traditionellen Liniendienst-Schifffahrt zu gewinnen, was aber HAPAG-General-direktor Albert Ballin zu verhindern wusste. Stattdessen erfolgte im November 1917 die Grün dung der AG Hugo Stinnes für Seeschiffahrt und Überseehandel, bald danach die Bestellung mehrerer 8000-BRT-Frachtdampfer bei verschiedenen Werften. Mit aus dem Ausland ange-kauften Kombidampfern und den ersten fertiggestellten Neubauten betrieb die Stinnes-Reederei ab 1921 Liniendienste nach Mittel- und Südamerika. Auch die Ostasienfahrt war Ziel von Stinnes Expansionsbestrebungen. Der Liniendienst nach z.B. Hongkong, Singapur Shanghai, Yokohama und Manila wurde ab Herbst 1922 u.a. von den vier auf der Wilhelmshavener Marinewerft gebauten Kombidampfern bedient. 

Werbepostkarte der Stinnes-Reederei

Langwierige Verhandlungen über Baukosten

Anfang März 1919, nur wenig mehr als drei Monate nach Kriegsende, trat das Reichsmarine-amt – seinerzeit oberste Behörde der Marine mit der Funktion eines Ministeriums – an Hugo Stinnes persönlich heran. Offenbar bestand seitens des Amtes die Absicht, sämtliche marineeigenen Werften einschließlich des Wilhelmshavener Betriebes bei angemessenen Angeboten zu verkaufen. Es wurde in Aussicht gestellt, „ein Hüttenkonsortium für den Erwerb zu interessieren, um auf diese Weise den Betrieb der Unternehmen in vollem Umfang sicherzustellen“. Nichts Geringeres also als ein Kaufangebot an Stinnes. Allerdings hatte das Amt bzgl. des Wilhelmshavener Betriebes wohl selbst von Anfang an die letztlich berechtigten Zweifel, dass diese „wirtschaftlich und technisch richtige Lösung die Billigung der Regierung erhalten würde“. Nach dieser ersten unverbindlichen Offerte war es Kapitän zur See Heinrich Löhlein, Direktor des Werft-Departements im Reichsmarineamt, der Stinnes mitteilte, „daß man sich entschlossen habe, dem Bau von Handelsschiffen sofort näherzu-treten, um wenigstens auf diese Weise zunächst zu ermöglichen, die Arbeiter auf den Werften einigermaßen nutzbringend zu beschäftigen“. Schon am 26. März wurde nach eingehenden Verhandlungen im Reichsmarineamt eine mündliche Vereinbarung mit Stinnes über den Bau von 4 Handelsdampfern von je 8800 Tonnen Tragfähigkeit, auszuführen durch die „Reichswerft“ Wilhelmshaven, getroffen. Offenbar hat es bereits vor dieser Vereinbarung konkrete Gespräche mit der Robert M. Slomann-Reederei über den Bau von ebenfalls 4 Dampfern auf der noch als Reichswerft firmierenden ehemaligen Kaiserlichen Werft Kiel gegeben, denn die Stinnes-Dampfer waren „zu bauen nach den von der Reichswerft Kiel entworfenen Plänen für 4 Frachtdampfer gleicher Größe der Firma Robert M. Slomann und Co., Hamburg“. Die Stinnes-Reederei „hat sich vorbehalten, geringere Abweichungen hiervon mit der Werft Wilhelmshaven zu vereinbaren, die jedoch den Preis nicht beeinflussen werden“. Die Werft Kiel wurde aufgefordert, Stinnes Pläne und Bauspezifikationen für die Slomann-Dampfer zukommen zu lassen, damit „etwa gewünschte Abweichungen darin eingezeichnet werden können“. 

Für die Marinewerft Wilhelmshaven als bauausführender Betrieb sprachen aus Sicht der Stinnes-Reederei zwei Gründe: noch mitten im Krieg, im November 1917, wurde mit einem Beihilfegesetz ein milliardenschweres Wiederaufbauprogramm für die von schweren Verlusten gebeutelte deutschen Handelsschifffahrt auf den Weg gebracht. 1918 erhielten die Reeder bereits über 200 Millionen Mark, mit dem Geld konnten die Schifffahrtsgesellschaften große Aufträge bei den Werften ordern; die Auftragsbücher der privaten Schiffbaubetriebe waren voll. Der zweite Grund schließlich betraf die Baukosten. 

Die ausgehandelten Konditionen waren für Stinnes außerordentlich günstig, für die Werft und damit für die Marine und dem Reich aber ein dickes Minusgeschäft. Vereinbart wurde ein Festpreis von 675 Mark je Tonne Tragfähigkeit, also knapp 6 Mio. Mark pro Schiff, dagegen betrugen die Gestehungskosten pro Schiff im März 1919 schon über 8,5 Mio. Mark - exklusive Betriebskosten. Allein schon die Vereinbarung auf einen zudem noch sehr niedrigen Festpreis war ein Novum, keine privatwirtschaftlich betriebene Werft hätte sich darauf eingelassen. Zudem musste schon „damals bei vernünftiger Beurteilung der wirt-schaftlichen Verhältnisse damit gerechnet werden, dass infolge der steigenden allgemeinen Teuerung der Preis durchaus unzulänglich sein würde“. Kapitän Löhlein aber forderte bereits am Tag der mündlichen Vereinbarung die Werft Wilhelmshaven auf, einen schriftlichen Vertrag aufzusetzen und bestätigte Tags darauf mit Schreiben an die Stinnes-Reederei die getroffenen Vereinbarungen. Im Juli übersandte die Werft dem Reichsmarineamt einen Ent-wurf über ein Bestellschreiben der Stinnes-Reederei und erhob in einem Begleitschreiben deutliche Einwände. Offenbar hatte die Werft in der Zwischenzeit erfolglos versucht, in Verhandlungen mit Stinnes die Konditionen zu verbessern. Im besagten Schreiben wies sie darauf hin, dass bereits zu dem Zeitpunkt allein der Preis von Schiffbaustahl gestiegen sei und der Fehlbetrag um eine weitere Million Mark steigen würde. Es sei zu erwägen, „ob ein Rücktritt vom Vertrage (gemeint war die mündliche Vereinbarung, Anm. d. Verf.) in Frage kommt, da der Abschluß des Geschäftes ohne Verlust nicht mehr möglich erscheint“. Zuletzt bat die Werft, auf einen formellen Vertrag zu verzichten und es bei einem von allen Geschäftspartnern anzuerkennenden Bestellschreiben zu belassen, da dies zum einen im Handelsschiffbau üblich sei, zum anderen würde die Werft so die allein durch Aufsetzen eines Vertrages entstehen Kosten in Höhe von 80000 Mark sparen. Nichtsdestotrotz bestand die Admiralität – Nachfolgebehörde des mittlerweile aufgelösten Reichsmarineamtes – auf einen formellen Vertrag zu vereinbarten Konditionen. Durchaus erstaunlich ging die Werft auf diese Forderung nicht ein, sondern versuchte im Gegenteil in Verhandlungen mit der Reederei günstigere Konditionen zu erreichen. Diese allerdings bestand nicht nur auf die mündliche Vereinbarung vom Februar, sondern brachte nun sogar noch verschärfte Bedingungen wie Vertragsstrafen und weitgehende Haftungen seitens der Werft ins Spiel. Die Fronten waren endgültig verhärtet. Immerhin stellte sich nun die Admiralität/Chef der Marineleitung im Reichswehrministerium als oberste Marinebehörde auf die Seite „ihrer“ Werft. Im Februar 1920 – der Gestehungspreis war mittlerweile auf über 15 Mio. Mark pro Dampfer gestiegen – stellte sie beim Reichswirtschaftsgericht einen Antrag auf Nichtigkeit der Vereinbarung gemäß einer Verordnung des Reichsschatzministeriums vom 18.09.1919. Es folgte eine annähernd zwei Jahre andauernde Auseinandersetzung, während derer mit dem Bau der Dampfer begonnen wurde (die genauen Daten, für welchen Dampfer wann genau der Kiel gestreckt wurde, lassen sich allerdings nicht mehr ermitteln) und mit den Reichsfinanzministerium, Reichsschatzministerien und dem Reichsausschuß für den Wiederaufbau der deutschen Handelsflotte weitere Akteure auf den Plan traten. 

Im Herbst 1921 bahnte sich ein Ende der Vertragsstreitigkeiten an. Stinnes bot nun einen Grundpreis von 1000 Mark pro Tonne Tragfähigkeit plus 60% der Differenz zwischen Grund-preis und Gestehungskosten. Die Marine „bat dringend, dem Vergleiche zuzustimmen, da sich auf der Werft jeden Tag neue Komplikationen in der Weiterführung der Bauten ergeben, welche noch viel grössere Verluste für das Reich notwendig im Gefolge haben würden“. Die Ministerien stimmten zu. Am 14.12.1921 erging an das Reichswirtschaftsgericht die Mitteilung, das sich die Parteien verglichen haben. Das finanzielle Ergebnis: Gestehungs-kosten für alle vier Dampfer rund 158 Mio. Mark, Verkaufspreis etwa 109 Mio. Mark. Entsprechender Verlust für das Reich: ca. 49 Mio. Mark.

"Emil Kirdorf" und "Carl Legien" laufen vom Stapel

Etwas mehr als zwei Monate später, am 25.Februar 1922, lief im Beisein von Hugo Stinnes der erste Dampfer vom Stapel und wurde auf den Namen des ebenfalls anwesenden Industriellen Emil Kirdorf getauft.  

Wohl niemand ahnte, dass das Typschiff das Glücklichste seiner Klasse sein würde. Im Oktober 1925 entging es knapp einer Katastrophe, als mitten im Indischen Ozean während eines schweren Sturms in einem der  hinteren Laderäume ein Feuer ausbrach. Der Mannschaft gelang es nach drei Tagen, das Feuer unter Kontrolle zu bringen, das Schiff schaffte es schließlich nach Suez, Menschen kamen nicht zu Schaden. 

Stapellauf der "Emil Kirdorf" am 25.02.1922

Die größte öffentliche Aufmerksamkeit wurde dem Stapellauf der Carl Legien zuteil. Neben dem erneut anwesenden Hugo Stinnes war Reichspräsident Friedrich Ebert eigens zu diesem Ereignis angereist. Nach dem Stapellauf in den Vormittagsstunden fanden sich die  

hohen Herren zum Frühstück ins Parkhaus am Parkmittelweg (1942 durch Bomben zerstört, heute Rollschuhbahn) ein. In feierlicher Rede würdigte Ebert den Anlass: „So grüß ich Namens des Reiches „Carl Legien“, das jüngste Schiff unserer wiedererstehenden Handelsflotte. Möge es seinen Namen tragen als Symbol der Zusammenfassung aller schaffenden Kräfte unseres Wirtschaftslebens zum Wiederaufbau unseres Vaterlandes, als Symbol unerschütterlicher Pflichttreue und Schaffensfreude im Dienste der Volksgemeinschaft“. Im ganzen Deutschen Reich berichtete die Presse ausführlich, die Reden von Ebert und Stinnes - Letzterer würdigte den Namenspatron des Schiffes ausdrücklich - wurden in ganzer Länge veröffentlicht. Auch ein 1922 ausgegebener Notgeldschein der Städte Wilhelmshaven-Rüstringen mit einer Zeichnung des Stapellaufs als Motiv nebst Text verdeutlicht die große Bedeutung dieses Ereignisses. 

Notgeldschein Wilhelmshaven/Rüstringen mit Bezugnahme zum Stapellauf der "Carl Legien"
(Sammlung Andreas Mühlena)

 Die beiden weiteren Stapelläufe der Adolf von Baeyer am 14. Oktober 1922 und schließlich Albert Vögler am 24.März 1923 riefen ein weit geringeres öffentliches Echo hervor. Immerhin aber berichtete das Monatsblatt der Montangruppe Siemens-Rheinelbe-Schuckert-Union „Das Werk“ in seiner Juni-Ausgabe 1923 ausführlich über die Probefahrt der Albert Vögler. Der Bericht enthielt zudem einige im Folgenden aufgeführte Details: 
Mit der werfteigenen 2000 PS-starken Dreifach-Expansionsmaschine und einen Dreizylinderkessel für Kohle- oder Ölfeuerung schafften die Dampfer eine Geschwindigkeit von 11 Knoten bei voller Ladung. Für Passagiere standen zur Verfügung 25 Kammern mit 58 Betten, ein Promenadendeck, ein Speisesaal, ein Rauch- und ein Gesellschaftszimmer. Zwei Krankenzimmer waren mit vier Betten ausgestattet. Die Fracht war in 10 Laderäumen und zwei Tieftanks von jeweils 640 cbm verstaut. Das Ladegeschirr bestand aus 24 Ladebäumen unterschiedlicher Größe. 


Aus der Betriebszeitung "Das Werk":

Zur Namenswahl der Schiffe

Die Namen der Schiffe spiegelt Stinnes‘ ambivalente politischen Ansichten wieder, die in erster Linie von nationalen und persönlichen Wirtschaftsinteressen geprägt waren. Als Mitglied der nationalliberalen Deutschen Volkspartei (DVP) zog er als Abgeordneter in den Reichstag ein. Keineswegs ausgemachter Gegner der Weimarer Republik, unterhielt er enge Kontakte zur republikfeindlichen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und war ein Förderer seines Geschäfts- und Parteifreundes Albert Vögler, der, wie auch der Industrielle Emil Kirdorf – Vorstandsvorsitzender der von Stinnes dominierten Gelsenkirchener Bergwerks-AG – die Republik scharf ablehnte und ein früher Förderer der NSDAP war.

Carl Legien wiederum war ein bedeutender Gewerkschafter, von 1913 bis Juli 1919 Vorsitzender des Internationalen Gewerkschaftsbundes, anschließend bis zu seinem Tode Ende Dezember 1920 des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes. Mit dem Stinnes-Legien-Abkommen vom November 1918 wurden seitens der Industrie erstmals die Gewerk-schaften als Interessenvertreter der Arbeiter anerkannt.

Einziger unpolitischer Namensgeber war der bedeutende Chemiker Adolf von Baeyer, Nobelpreisträger 1905 

Über die HAPAG nach Rumänien

Der frühe Tod von Hugo Stinnes am 10.April 1924 mit nur 54 Jahren in Folge von Komplikationen nach einer Gallenoperation führte innerhalb von nicht einmal eineinhalb Jahren zum Verfall des Firmenimperiums. Seine Söhne Edmund und Hugo Jr. hatten weder den genialen Geschäftssinn ihres Vaters, noch genossen sie wie er das Vertrauen der Banken. Sein auf dem Sterbebett gemachtes Vermächtnis „Was für mich ein Kredit ist, sind für Euch Schulden. Eure wichtigste Aufgabe ist: Schulden bezahlen!“ missachteten die Söhne völlig. Stattdessen setzten sie weiter auf Expansion. Als Hugo Jr. auch noch große Beteiligungen an Banken erwarb, war der sprichwörtliche Kredit aufgebraucht, diverse Banken stellten sämtliche Kredite fällig. Die Forderungen konnten nur mit dem Verkauf eines großen Teils der Stinnes-Unternehmen erfüllt werden. Die Reederei wurden im Januar 1926 von der Deutsch-Austral und Kosmos-Linie übernommen, die aber schon wenige Monate später ihre Eigenständigkeit aufgeben musste und im November mit der HAPAG fusionierte.

In den folgenden Jahren wurden die vier Dampfer mit leistungssteigernden Abdampfturbinen ausgestattet. Zwar fuhren die Dampfer nun mit der HAPAG-Schornsteinmarke, in Fahrplänen wurden sie aber zumeist unter Stinnes-Linien geführt, die nach außen hin weiter als eigen-ständige Reederei auftrat. Eingesetzt wurden sie nun vor allem im Liniendienst zur West-küste Südamerikas.

Die Zeit bei der HAPAG währte jedoch auch nicht lange. Vom Juli 1932 bis April 1933 kaufte die staatliche rumänische Reederei Serviciul Maritim Roman die vier Dampfer nach und nach auf und benannte die Schiffe um. Emil Kirdorf in Ardeal, Carl Legien in Alba Julia, Adolf von Baeyer in Peles und Albert Vögler in Suceava. Von den rumänischen Häfen Constanta am Schwarzen Meer, Galati an der unteren Donau und Sulina am Donaudelta bedienten die vier Dampfer u.a. Liniendienste nach Piräus, Istanbul und Alexandria, fuhren zudem zu westlichen Häfen ohne feste Routen.

"Ardeal", ex-"Emil Kirdorf" in den rumänischen Donauhäfen Galati und Sulina

"Alba Julia", ex-"Carl Legien"

Im Kriegseinsatz

 Der Zweite Weltkrieg und der Eintritt Rumäniens in diesen Krieg an der Seite der Achsenmächte bedeutete das Ende des zivilen Dienstes der vier Schwestern. Mit Beginn der Operation Barbarossa, dem Angriff Deutschlands gegen die Sowjetunion im Juni 1941, wurden die vier Schiffe von der Kriegsmarine gechartert und dem Kommandobereich des im Juni mit Sitz in Sofia aufgestellten Marinegruppenkommando Süd und dessen unmittelbar unterstellten Kommandobehörden zugeführt: Alba Julia der Seetransporthauptstelle Piräus beim Kommandierenden Admiral Ägäis, die restlichen drei dem Kommandierenden Admiral Schwarzes Meer. 

Ardeal und Suceava waren zunächst als Lazarettschiffe gemäß Genfer Konvention vorge-sehen. Da allerdings einerseits die Sowjetunion deutsche Lazarettschiffe nicht anerkennen wollte und andererseits die Wehrmacht dringend Transportkapazitäten benötigte, wurden die beiden Schiffe letztlich als normale Transporter, sogenannte Hilfsbeischiffe, eingesetzt, die auf dem Hinweg Material zu eroberten sowjetischen Schwarzmeerhäfen transportierten, auf dem Rückweg nach Rumänien Verwundete.     

Die Peles, ex-Adolf von Baeyer, ereilte früh ihr Schicksal. Bereits am 16.August 1941 sank der Dampfer nach einem sowjetischen U-Boot-Angriff bei Kap Enime südlich der bulgarischen Hafenstadt Varna, über Personenverluste ist nichts bekannt. 

Im Herbst 1942 wurde beim Admiral Schwarzes Meer mit dem Chef Seetransport Schwarzes Meer ein neuer Sonderstab eingerichtet, ihm oblag nun die operative Führung der Trans-porter in diesem Seegebiet. Zum selben Zeitpunkt erfolgte die Gründung der „Mittelmeer-Reederei GmbH“. Dabei handelte es sich um eine der sogenannten Kriegsreedereien, Zusammenschlüsse der wichtigsten Reedereien unter Leitung des Chefs Wehrmachts-transport und dem Reichskommissar für Seeverkehr mit der Aufgabe, sämtliche schwim-mende Transportmittel im jeweiligen Seegebiet zu bereedern; die operative Leitung verblieb bei den Seetransportstellen. Die Mittelmeer-Reederei übernahm die noch verbliebenen ehemaligen Stinnes-Dampfer, ehe zum 1.April 1943 mit der Schiffahrt-GmbH (in einigen Quellen oft irrtümlich als Schwarzmeer-Schiffahrts-GmbH bezeichnet) eine weitere Kriegsreederei ihre Tätigkeit für den „Nachschubdienst für Zwecke der deutschen Kriegs-führung im Schwarzen Meer“ aufnahm. Suceava und Ardeal wurden nun von dieser Reederei gechartert.

Knapp drei Wochen später, in der Nacht zum 20.April 1943, sank Suceava, ex-Albert Vögler, nach einem U-Boot-Angriff 85 Seemeilen westlich Sewastopol. Unter den 26 Toten befand sich der Chef Seetransport Schwarzes Meer Kapitän z.S. Boy Feddersen.

Alba Julia, ex-Carl Legien, überstand 1942/43 mindestens drei Angriffe feindlicher U-Boote. Im April 1944 zur Evakuierung der bei Sewastopol eingeschlossenen deutschen und rumänischen Truppen im April 1944 herangezogen, wurde der Dampfer am 18.4. mit rund 5000 Mann an Bord durch sowjetische Torpedoflugzeuge angegriffen. Etwa 200 Menschen starben, das Schiff schaffte es beschädigt zwei Tage später in Constanza einzulaufen. Nach Auflösung der Seetransportstelle Schwarzes Meer im Juni 1944 und dem rumänischen Frontenwechsel an die Seite der Sowjetunion zwei Monate später wurde das nicht mehr fahrbereite Schiff in Constanza zurückgelassen. Nach dem Krieg vollständig repariert und als Teil der rumänischen Reparationen an die Sowjetunion fuhr das Schiff ab 1946 unter dem neuen Namen „Nikolaev“ Stückgut für die Black Sea Shipping Company, einer Gesellschaft der sowjetischen Handelsflotte mit Sitz in Odessa. 1959 schließlich wurde das Schiff in der UdSSR abgebrochen.

"Nikolajew", ex-"Alba Julia", ex-"Carl Legien"

Die letzten der Jahre der ex-Emil Kirdorf

Ardeal, ex-Emil Kirdorf, jenes Schiff, welches vor 100 Jahren als erstes der vier Schwestern in der Wilhelmshavener Marinewerft vom Stapel lief, sollte schließlich auch jenes mit dem längsten Schiffsleben sein. Wie Alba Julia überstand auch Ardeal mehrere U-Boot-Angriffe, wurde beim Rückzug aus Rumänien in Constanza zurückgelassen und von den Sowjets beschlagnahmt. Ab 1948 in Dienst für das neu gegründete rumänisch-sowjetische Joint Venture Sovromtransport, ab 1959 schließlich für die rumänische Staatsreederei Navrom. 1962, im vierzigsten Jahr, endete die Dienstzeit des Schiffes und es wurde noch im selben Jahr abgebrochen.


Sofern nicht anders aufgeführt, sämtliche Abbildungen aus Archiv/Sammlung Frank Logemann

Quellen und weiterführende Literatur

Archivalien:
Bau von vier Frachtdampfern für die Firma Stinnes auf der Werft Wilhelmshaven. Bundesarchiv (Berlin-Lichterfelde), Sig. R 2201/2518

Gedruckte Quellen:

  • Detlefsen: Die Stinnes-Reedereien. Bad Segeberg, 1999
  • Hartmann/Nöldeke: Verwundetentransport über See, S. 24 f. und 210-212. Bochum, 2010
  • Jordan: The world’s merchant fleets 1939. London, 1999
  • Kludas: Die Geschichte der Hapag-Schiffe, Bd. 3., S. 122 f., 127, 156-158. Bremen, 2009
  • Kludas: Die Geschichte der deutschen Passagierschiffahrt, Bd. 4., S. 175-191 Hamburg, 1989
  • Kriegstagebuch der Seekriegsleitung 1939-1945, div. Bände. Hamburg, 1988-1997
  • Lohmann/Hildebrand: Die deutsche Kriegsmarine 1939-1945, Ordnungsnr. 161, 162, 164
  • Meyer: Die deutschen Kriegsreedereien 1942-1945, in: Jahrbuch 2005/06 der Deutschen Gesellschaft für Schiffahrts- und Marinegeschichte e.V., S. 31-38. Düsseldorf, 2007
  • Meyer: Mittelmeer-Reederei GmbH – Eine deutsche Kriegsreederei, in: Das Nordlicht, Heft 52, S. 12-15. Rostock, 2006
  • Meyer: Schiffahrt-GmbH – eine Kriegsreederei im Schwarzen Meer, in: Das Nordlicht, Heft 53, S. 16-19. Rostock, 2006
  • Peters: Deutsche Werften in der Zwischenkriegszeit (1918-1939), Teil 1: Von der    Kriegsrüstung zur Friedenswirtschaft. Schiffbaukonjunktur durch Reparationsleistungen und durch den Wiederaufbau der deutschen Handelsflotte nach dem Ersten Weltkrieg (1918-1923), in: Deutsches Schiffahrtsarchiv, Bd. 28. Hamburg, 2005
  • Rübner: Konzentration und Krise der deutschen Schiffahrt. Bremen, 2005
  • Tschursch: Die sowjetische Handelsflotte 1945 bis 1991, Band 2/2: Stückgutfrachtschiffe zwischen 5000 und 10000 tdw Tragfähigkeit, S. 180. Rostock, 2003
  • 75 Jahre Marinewerft Wilhelmshaven, Anlage 3 und 4. Oldenburg, 1931


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